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Archive for the ‘Lebendige Natur’ Category

Hornissen

Zugegeben, ich habe sie herbeigewünscht, aber ebenso zugegeben: Manchmal sind sie doch ein bisschen unheimlich. Spätabends etwa, wenn sie jetzt überall rund ums Haus jagen und dabei plötzlich mit diesem unverkennbar sonoren Brummen gegen die Fliegenfenster knallen. Dann bin ich doch erleichtert über die Gaze, die uns trennt. So ist das wohl mit den erfüllten Wünschen!

Dabei freue ich mich sehr, dass sie wieder da sind, habe ich doch lange auf Hornissen im Revier gehofft, erst recht nach jedem gruseligen Mücken- oder Wespen-Sommer. Ein Nest von Vespa crabro ist nämlich so ziemlich das einzige, das eine ausgewachsene Insektenplage zumindest spürbar in Grenzen halten kann, und sehr angenehme Mitbewohner sind Hornissen auch. Übrigens nicht nur im Garten: Wir haben jahrelang friedlich mit Nestern direkt am Schlafzimmerfenster gelebt, und es waren die einzigen nahezu wespenfreien Sommer.

Die effizienten Jäger fallen dabei als Kaffeetisch-Konkurrenten glücklicherweise aus: Kuchen und Eis sind ihnen völlig gleichgültig. Ihre eigenen Tischmanieren lassen allerdings mitunter zu wünschen übrig: Hornissen zerlegen ihre Beute noch in der Luft, bevor sie sie an den Nachwuchs verfüttern. So säumt ein endloser Regen von Wespenköpfen und -flügeln ihre Einflugschneise, und die führte in einem Jahr direkt über meinen Gartentisch. Der Ekelfaktor war dann immer umgekehrt proportional zu der Anzahl der Wespenstiche, die ich bis dahin kassiert hatte…

Auch auf engem Raum ist ansonsten reibungslos mit den streng geschützten Hornissen zu leben, wenn man sich an den Knigge hält: Kein zu langer Aufenthalt direkt am Nest, da die CO2-Konzentration in der Atemluft den Bewohnern einen lauernden Fressfeind signalisiert, kein Blockieren der Flugbahn in Nestnähe, keine zu hektischen Bewegungen. Hornissen sind tatsächlich erstaunlich tolerant und friedfertig. Ihre gefährlich wirkende Erscheinung ist vor allem Bluff und dient der Abschreckung. Sie ziehen, solange sie nur können, die Flucht dem Angriff deutlich vor. Stechen sie in letzter Bedrängnis doch, so ist das zwar im ersten Moment heftig schmerzhaft, weil ihr Gift eine hohe Konzentration an Acetylcholin und anderen schmerzerzeugenden Stoffen enthält, aber sogar hier noch drohen sie mehr an, als sie schaden: Allen gruseligen Legenden zum Trotz sind Hornissenstiche nicht schädlicher als andere Wespen- oder Bienenstiche.

Nur den imposanten Auftritt der Großwespen finde ich doch immer wieder ein wenig gewöhnungsbedürftig. Sie den meinen offenbar auch: Am Anfang umkreisten mich im Garten ständig interessierte Kundschafter. Wenn sie auch noch zu mehreren kamen, musste ich mich manchmal krampfhaft daran erinnern, dass der charakteristische Zickzackflug bei Wespen nicht böse Absicht bedeutet: Sie versucht damit nur, ihre Augen auf das unbekannte Objekt scharf zu stellen. Ich hoffte jedes Mal inständig, dass die martialisch brummende Hornissenpatrouille das auch wusste, aber tatsächlich: Sie zogen immer friedlich ab.

Eine potenzielle Konfliktsituation allerdings gibt es: Falls sich die Dämmerungsjäger abends, angezogen von Licht hinter offenen Fenstern, ins Haus verirren, kann es kritisch werden, wenn Mensch und Insekt gleichermaßen panisch reagieren. Die große Hornisse etwa, die vor Jahren nach der Kollision mit meiner Leselampe völlig die Contenance verlor, fand den Rückweg auch im Dunkeln nicht mehr. Was ungewöhnlich ist, denn normalerweise schaffen sie das schnell. Als ich versuchte, sie einzufangen, drohte sie mit einer Attacke, zog sich aber sofort zurück, als ich hastig dasselbe tat.

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass selbst sehr bedrängte und verängstigte Hornissen tatsächlich lieber flüchten, als standzuhalten, aber in dieser Situation beruhigte mich das eher wenig. Musste ich doch das irritierte Insekt schließlich einmal durchs Haus eskortieren, von Lampe zu Lampe, bis hin zur Außenbeleuchtung. Wer sich je spätabends im steilen Treppenhaus, nervös und unzureichend bekleidet, alleine Auge in Auge mit einer ebenso nervösen Zweieinhalb-Zentimeter-Wespe befunden hat, der wird die Erleichterung nachfühlen, mit der ich endlich die Haustür hinter ihr schloss. Seitdem sind hier die Reviere von Mensch und Hornisse mit Fliegengitter getrennt. Was auch deshalb ratsam ist, weil Irrflieger sonst morgens klamm auf dem Fußboden sitzen können und es dann verständlicherweise überhaupt nicht schätzen, getreten zu werden.

In Ruhe und bei Tageslicht können sie dagegen verblüffend gut navigieren, was ich soeben beobachten durfte, als einen Vormittag lang alle meine Fenster offen standen und die experimentierfreudigen Hautflügler prompt begannen, mein Wohnzimmer als Abkürzung zwischen Nest und Jagdrevier zu erschließen. Es war faszinierend zu sehen, wie schnell ihre Flüge von Fenster zu Fenster zielsicher wurden, aber ich zog es dann doch vor, dieses Experiment abzubrechen. Ich mag sie wirklich sehr, aber wie gesagt: Im trauten Heim können sie ein wenig unheimlich sein!

Autorin: Susanne Wiborg

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